manroland - Beginn einer neuen Ära?

Veröffentlicht am: 21.02.2012

  Firmenchef Tony Langley

 

Werner Schneider, seines Zeichens Insolvenzverwalter der manroland AG, kann zufrieden sein. Binnen sechs Wochen, nachdem der Traditionsdruckmaschinenbauer in die Insolvenz geschlittert war, präsentierte er nicht nur eine Aufsplittung des Unternehmens in drei Teile, sondern mit der Lübecker Unternehmensgruppe Possehl einen Käufer für den Rollendruckbereich und mit der britischen Langley Gruppe einen Abnehmer für den Bogendruckbereich. Mehr als 100 Millionen Euro wurden dem Vernehmen nach so in die Kasse des Verwalters gespült.

Text: Michael Seidl

 

 

Was für ein Glück also, dass man sich kannte. Denn Werner Schneider hatte auch schon zuvor für die in Augsburg ansässige insolvente Böwe-Systec einen Retter gefunden - und der hieß Possehl. Ist es ein Zufall, dass noch dazu im Aufsichtsrat der Böwe Systec mit Gerd Finkbeiner eine Persönlichkeit saß, die bis vor kurzem noch die Geschicke von manroland gelenkt hat? Für den Standort Plauen wird übrigens ein Investor gesucht, wobei quasi als Absicherung, Possehl mit dem Werk eine langfristige Lieferbeziehung eingegangen ist. Das neue Unternehmen wird künftig als Manroland Websystem auftreten. Geführt wird es von Possehl Vorstandsvorsitzenden Uwe Lüders gemeinsam mit einem fünfköpfigen Managementteam. Die Bereiche Service und Vertrieb werden von Peter Kuisle, langjähriger Vertriebsleiter, fortgeführt, ergänzt durch den Technikbereich unter Leitung von Dieter Betzmeier. Für den Geschäftsbereich Produktion und Beschaffung zeichnet Franz Gumpp verantwortlich, Unternehmensentwicklung und Personalwesen werden von Dr. Daniel Raffler geführt. Und Dirk Rauh leitet den kaufmännischen Bereich.

 

Brititsche Übernahme

Eine Lösung vor der drupa hat Werner Schneider auch für den angeschlagenen Bogenbereich realisieren können. Manroland Sheetfed, unter diesem Namen wird der Bogenbereich der ehemaligen manroland AG in Zukunft weiter geführt werden. Garant dafür ist der britische Investor Langley Holdings plc, der sich, wie Insolvenzverwalter Schneider jüngst in einer Pressekonferenz mitteilte, als attraktivster Anbieter entpuppte. Die Briten übernehmen sämtliche Produktionsanlagen, einschließlich aller Immobilien am Standort Offenbach sowie die komplette internationale Vertriebsorganisation in mehr als 40 Ländern. Langley ist – ähnlich wie Possehl – ein weltweit operierender Industrie-Mischkonzern, der den verschiedensten Märkten Investitionsgüter-Technologien zur Verfügung stellt. Im Jahre 2011 erzielte die gesamte Langley Holdings plc mit allen vier Divisionen bei einem Umsatz von knapp 500 Millionen Euro ein Ergebnis vor Steuern in Höhe von rund 76 Millionen Euro. Die Gruppe beschäftigt weltweit annähernd 2.300 Mitarbeiter. Dazu kommen jetzt die 860 Mitarbeiter von Manroland Sheetfed. Weggefallen sind somit in Offenbach rund 950 Stellen. In Augsburg verlieren rund 750 Menschen ihren Job.

 

Erste Aussagen sorgen für Stirnrunzeln

Heidelberg und KBA werden – das kann man jetzt schon sagen – viel „Freude“ mit dem Investor haben. So meinte der neue Boss Tony Langley, dass man schon bald schwarze Zahlen schreiben werde. Er begründet dies damit, dass Manroland Sheetfeed nach der „Restrukturierung“ gut aufgestellt sei. Der Insolvenzverwalter Werner Schneider wurde da noch deutlicher: „Das neue Unternehmen hat im Vergleich zum Wettbewerb eine ordentliche Bilanz.“ Die damit angesprochenen Wettbewerber am Markt werden diese Aussagen wohl zu „schätzen“ wissen und sich mit Recht fragen, ob der Insolvenzverwalter sich in seiner Funktion so viel Gedanken über den Wettbewerb der beiden neuen Unternehmen machen sollte.

Ein Brancheninsider (Name der Redaktion bekannt) attestiert dem Insolvenzverwalter ein übles Spiel, der sich so gern im eigenen Glanz als der große Retter von Arbeitsplätzen sonnt. Respekt sollte man davor haben, dass der von manroland vor der Insolvenz angezettelte Preiskrieg wieder von neuem beginne. Warum? Manroland, die Allianz und der MAN-Konzern haben sich mit der einmaligen Zahlung von läppischen 24 Millionen Euro auf Kosten der Arbeitsverwaltung (ca. 100 Millionen Euro Insolvenzausfallgeld), der Lieferanten (200 Millionen Euro Lieferantenschulden) und der Mitarbeiter (keine Sozialauswahl bei den Entlassungen zu Lasten älterer, behinderter und teurerer Mitarbeiter, keine Aufstockung mehr für Altersteilzeitbeschäftigte in der Passivphase und Wegfall der übrigen Pensionsansprüche) von den meisten Altlasten entledigt.

 

Saubere Bilanz

In Anbetracht all dieser „Bereinigungsmaßnahmen“ verstehe man nur zu gut, was Insolvenzverwalter Werner Schneider mit einer „sauberen Bilanz“ gemeint haben könnte. Aus der Sicht aktueller und zukünftiger manroland Bogenkunden ist es jedenfalls gut, dass hier vor der drupa noch eine Entscheidung getroffen wurde. Damit weiß man, wer in Zukunft hinter dem Unternehmen steht und kann so die entsprechenden Schlüsse daraus ziehen

Auch bei den Entscheidungen für das Management des Bogenbereiches erwartet man in den nächsten Tagen die ersten Entscheidungen. Für einige gestandene manroland Mitarbeiter dürften die Zeiten gezählt sein. Die neuen Eigentümer kennen kein Pardon. Wie wir erfahren haben, musste dieser Tage auch der ehemalige manroland CEE Boss Gerhard Gocek seinen Schreibtisch in Deutschland räumen.

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Kommentar

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