Die österreichische Papier- und Zellstoffindustrie bringt zentrale Voraussetzungen mit, um weitere Wachstumsmärkte zu erschließen: leistungsfähige Produktionsstandorte, umfassendes Prozesswissen und jahrzehntelange Erfahrung in der Verarbeitung nachwachsender Rohstoffe.
Das zeigt die neue Potenzialanalyse „Die Papier- und Zellstoffindustrie als strategisches Asset der Industriepolitik“ von Mainland Economic Consultants im Auftrag von Austropapier. Ob aus diesem Potenzial zusätzliche Wertschöpfung in Österreich entsteht, hängt wesentlich von der Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts ab. Für den österreichischen und europäischen Papier- und Zellstoffsektor erwartet die Analyse zwischen 2025 und 2030 ein Erlöswachstum von rund 20 Prozent, getragen vor allem von Verpackungs- und Spezialpapieren. Zusätzliche Perspektiven entstehen durch die höherwertige Nutzung von Zellulose, Hemizellulose und Lignin. Daraus können neue Werkstoffe, chemische Vorprodukte und Energieträger entstehen. Bioraffinerien erweitern damit die Wertschöpfungskette, ohne das bewährte Kerngeschäft zu ersetzen. Gleichzeitig bleibt das wirtschaftliche Umfeld der Branche anspruchsvoll. Hohe Energie- und Lohnkosten und zunehmender internationaler Wettbewerb begrenzen die Spielräume für Investitionen. Eine zukunftsorientierte Industriepolitik darf sich daher nicht nur auf die Förderung neuer Technologien beschränken. Sie muss auch bestehende, stark recyclingorientierte Produktionsstandorte im internationalen Wettbewerb absichern. „Zukunftsinvestitionen setzen wettbewerbsfähige Standorte voraus. Der angekündigte Industriestrompreis und die Verlängerung der Strompreiskompensation sind wichtige Schritte. Jetzt müssen die Maßnahmen rasch umgesetzt werden, in den Betrieben ankommen und die Kostenlücke zu anderen europäischen Standorten wirksam verringern. Nur dann können Zellstoff- und Papierproduktion in Österreich bestehen und in neue Technologien und Produkte investieren“, sagt Harald Ganster, Vizepräsident von Austropapier.
Auf Bestehendem aufbauen
Einen besonderen Vorteil sieht die Analyse in den bestehenden Produktionsstandorten der Papier- und Zellstoffindustrie. Anlagen, Energie- und Wassersysteme, Rohstofflogistik sowie industrielle Lieferketten sind bereits vorhanden. Bei der Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsfelder kann Österreich daher auf etablierten Strukturen aufbauen. Gleichzeitig erweitern andere europäische Länder bereits ihre Kapazitäten im Bereich der Bioraffinerien. „Die heimische Papier- und Zellstoffindustrie ist der erste Spezialist in der Verarbeitung und Verwertung von Biomasse. Aufbauend auf ihrer hohen technischen Expertise und breiten Prozesskompetenz schafft sie schon heute neue Potenziale rund um diesen strategischen, kritischen Rohstoff bzw. seine Komponenten Zellstoff, Hemizellulose und Lignin, die für die Zukunft Österreichs entlang neuer Produkte und Wertschöpfungsketten bedeutendes Wachstum und Beschäftigung versprechen. Damit wir diese Vorteile im globalen Wettbewerb auch nutzen können, wird es allerdings entscheidend sein, neue Verfahren, Technologien und Innovationen rasch und unbürokratisch von der Forschung und Erprobung in die Anwendung überzuführen“, so Ronald Scheucher, Industrieökonom und Autor der Analyse.
Es braucht eine investitionsorientierte Industriepolitik
Aus Sicht von Austropapier braucht es dafür eine investitionsorientierte Industriepolitik mit zwei klaren Schwerpunkten: wettbewerbsfähige Bedingungen für die bestehende Produktion und bessere Voraussetzungen für die Skalierung neuer Verfahren. Energieintensive und stark exportorientierte Unternehmen benötigen planbare Energie- und Netzkosten sowie stabile Rahmenbedingungen für effiziente Energielösungen an den Standorten. Zur Rohstoffsicherheit gehört, Holz und Sägenebenprodukte sowie Recyclingfasern vorrangig für die stoffliche Nutzung verfügbar zu halten. Für den Schritt in die Produktion sind zudem rasche und planbare Genehmigungen, klare regulatorische Vorgaben sowie geeignete Garantie- und Finanzierungsinstrumente erforderlich. „Bioökonomie entsteht nicht auf dem Papier, sondern an den Standorten der österreichischen Papierindustrie. Unser Ziel muss sein, dass neue Anwendungen nicht nur in Österreich erforscht, sondern auch hier produziert werden. Dafür braucht es wettbewerbsfähige Energiekosten, Rohstoffsicherheit, rasche Genehmigungen und geeignete Finanzierungsbedingungen. Sonst entstehen die Forschungserfolge in Österreich, die Wertschöpfung aber anderswo“, sagt Sigrid Reimer, Geschäftsführerin von Austropapier.